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< Spøkelsesbyen ved grensen
22.06.2006 09:17 Alder: 6 yrs
Av: Jens-Uwe Kumpch

Das gute einfache Leben auf der Hardangervidda

Auf der Westseite des Nordmannslågen, 1220 Meter über dem Meer und gute fünf Stunden Wanderung vom Parkplatz an der Landesstraße 7 entfernt, verbringen zwei Männer die meiste Zeit des Sommers damit, ihre Netze aufzustellen und Forellen zu fangen. Jakob Sæbo und Arne Ramsdal sind zusammen 150 Jahre, leben das gute einfache Leben auf der Vidda und kennen die südnorwegische Hochebene wie ihre Westentasche.



Als wir nach gut zwei Stunden den Wanderweg Richtung Süden verlassen, bläst uns von jetzt an nur noch ein kalter und steifer Nordwest ins Gesicht. Dunkle Wolken klammern sich an den umliegenden Bergen fest. Obwohl Proviant und Zelt bereits vor einigen Tagen an unserem Ziel angekommen sind, ist der Rucksack schwer wie Blei und reißt an den Schultern. Die Lust auf einen warmen Kaffee oder Tee wird immer stärker, doch wir müssen uns mit Schokolade und frischem Vidda-Wasser begnügen. Es ist fast acht Uhr, als wir unser Ziel erreichen. Zwei Hütten und ein kleiner Schuppen am Seeufer, daneben ein Traktor. Die letzten 500 Meter gehen wir in den Laufschritt über. Endlich können wir den Rucksack und die feuchten Klamotten los werden. Erst nach mehrmaligem Klopfen kommt jemand, die Begrüßung bleibt westnorwegisch reserviert. „Na, ja, kommt mal rein,“ sagt der ältere Mann, der sich sogleich wieder auf die Bettkante setzt. Sein Bettnachbar hat sich bereits ausgestreckt, denn „wir waren heute früh hoch, und um fünf Uhr ist die Nacht vorbei.“


 


Seit 14 Jahren fahren Jakob und Arne gemeinsam auf einem Traktor zu ihrem Sommerdomizil am Nordmannslågen. Im Schuppen neben der Hütte sind die 60 Netze gelagert, die sie im Westteil des riesigen Hochgebirgssees aufstellen. Von jetzt an wird ihr Tagesablauf von der Sonne bestimmt. Wenn sie zwischen fünf und sechs am Morgen am Bergrücken im Osten aufgeht, haben die beiden Männer bereits Morgenkaffee und Hafergrütze hinter sich und machen sich warm angezogen auf dem Weg zu ihrem 17 Fuß-Polyesterboot mit Außenborder. Der Weg zu den Netzen ist steinig, an manchen Stellen ist der Nordmannslågen selbst weit draußen weniger als einen Meter tief. Trotzdem dreht Jakob auf volle Fahrt. Er kennt diesen See wie kein anderer.


 


Quelle des "Rakfisk" 

Sechs bis sieben Stunden dauert es, bis alle Netze kontrolliert und wieder aufgestellt sind. An guten Tagen bringen sie 50 kg wieder mit zurück, ein Zehntel davon ist ein schlechter Fang. Darüber aber sprechen sie am wenigsten, denn, wie Jakob sagt, „daran können wir sowieso nichts ändern.“ Als sie wieder angelegt haben, schnallt Arne die große Tonne mit dem Tagesfang auf dem Rücken fest, Jakob packt seinen selbst geschnitzten Wanderstab und läuft nebenher. Unterhalb der Hütte sorgt er dafür, dass jeder Fisch noch einmal gründlich gewaschen wird, bevor er in der Tonne mit Salzlake verschwindet. Ein paar von den größten Exemplaren hat Arne mit in die Hütte genommen. Er ist der Koch, und natürlich gibt es auch heute Fisch. Die eingesalzenen Forellen aus dem Nordmannslågen, kräftig gebaut und mit hohem Fettgehalt und wunderschön rosarotem Fleisch, landen als „Rakfisk“ auf dem Weihnachtsmenü traditionsbewusster Norweger. 


 


„Greif zu, Junge, so einen Fisch haste noch nie gegessen.“ Auf dem Tisch steht der Topf mit den gedämpften Forellenstücken. Arnes kräftige Finger machen sich über den größten der Fischköpfe her, den er gerade aus dem Topf gefischt hat. Bald liegt das Fischauge auf dem Grätenteller, kurz danach landen auch die Reste des Kopfes beim Abfall. „Es gibt nichts Besseres,“ sagt er und lutscht sich die Finger ab. Selbst ein skeptischer Fischesser muss zugeben, dass frische Forelle aus dem Nordmannslågen eine Delikatesse ist – ganz ohne Soße oder Gemüse und nur in Salzwasser gegart. Für die richtige Würze hat die Natur selbst gesorgt. Vier bis sechs Wochen im Jahr essen unsere beiden Gastgeber nichts anderes als frische Forellen. Gebraten oder gekocht, vor allem aber am gleichen Tag gefangen, dazu Rahm und knackiges norwegisches „Flatbrød“.


 


Wachsen in Extremen

Den anschließenden Kaffee trinken wir vor der Hütte. In der letzten Nacht war das Thermometer bis auf  -3 Grad gesunken, in der Nachmittagssonne kriecht das Quecksilber an die 15 Grad heran. Jakob beginnt von seinem Enkel zu erzählen, der sich wissenschaftlich mit den Forellen auf der Vidda beschäftigt. Es fällt schwer zu glauben, dass die Fische hier oben so gute Lebensbedingungen haben. Wenn die ersten Sonnenstrahlen nach einem langen Winter durch den eisbedeckten See dringen, blühen Fauna und Flora am Seeboden auf. Die Forellen laichen Ende Mai bis Anfang Juni. Knapp vier Monate später, wenn der Winter einsetzt, müssen sie mindestens 3 cm lang sein, um den langen Winter zu überstehen. Wasserflöhe und Rückenschaler gibt es im Nordmannslågen zuhauf, sie sind die wichtigste Nahrung für die Forellen, die im Laufe eines Jahres um bis zu 6 cm wachsen können.


 


Überhaupt das Wasser. An allen Seiten der Hütte kommen Bäche frischen Schmelzwassers von den umliegenden Höhen herunter. Arne zeigt uns die Trinkwasserrinne, die sein Sohn vor einigen Jahren gebaut hatte. Am Ende der Rinne steht ein 10 l-Eimer, unablässig fließt das köstliche Nass nach. Vor der Hütte steht die Waschschüssel für die Handwäsche, auf dem Bollerofen brodelt in einem großen Kessel das Abwaschwasser. Für die morgendliche Katzenwäsche muss der See hinhalten, in dem wir mit der Blinkerangel ein paar Forellen fangen. An den Wellen liest Jakob die Windrichtung ab, am Farbenspiel auf der Oberfläche den Zug der Wolken. Was braucht man mehr als Wasser?


 


Jakob ist die Vidda 

Jakob Sæbo ist 78 Jahre alt. 1947 kam er das erste Mal an diesen Ort, an dem er 15 Jahre später die Hütte baute, in der wir heute sitzen. Der Blick durch das kleine Fenster ist traumhaft. Nach Osten hin werden die Höhenzüge von der glitzernden Oberfläche des Nordmannslågen aufgebrochen. Auf der anderen Seite des Sees zieht sich die Landschaft langsam in die Höhe und endet an einem fast schwarzen Gebirgskamm. „Stell dir vor“, sagt Jakob, „wie 3000 Rentiere einem Strom gleich über den Grat kriechen und schnurstracks auf den See zulaufen. Die gesamte Weide drüben war voller Tiere. Ein unvergesslicher Anblick.“ Es klingt fast wie eine Entschuldigung, wenn Jakob sagt, dass man in seinem Alter gern an alte Zeiten denkt. Er ist eng mit der Hardangervidda verwachsen, und das Schicksal des südlichsten Wildrentier-Bestandes in Europa liegt ihm sehr am Herzen. Schon einmal stand es schlecht um den Bestand, und als 1971 erstmals ein Jagdverbot ausgesprochen wurde, war das auch Jakobs Verdienst. „So ging es nicht mehr weiter“, erzählt er heute, „die Schätzungen gingen weit auseinander, doch nachdem wir mit vier Flugzeugen tagelang über die Vidda geflogen waren, wurden die schlimmsten Annahmen bestätigt.“  Gut 4000 Tiere weideten noch auf der Vidda, mehr als 6000 Tiere weniger als der optimale Bestand. Auch 2003 und 2004 war die Rentierjagd verboten. „Es ist viele Jahre her, dass wir vor der Hütte Rentiere gesehen haben“, sagt Jakob, doch er bleibt Optimist. „Wenn wir in den nächsten Jahren mehr Böcke als Kühe und Kälber schießen und die Jagdsaison verkürzen, wird es wieder aufwärts gehen.“


 


Vor seiner Pensionierung war Jakob Sæbo Bürgermeister der Gemeinde Eidfjord. Große Teile der Hardangervidda gehören zum Gemeindegebiet, die Verwaltung der Naturressourcen ist bei ihm nicht Anliegen, sondern Lebensaufgabe. „Ich hoffe, dass unsere Enkel nutzen, und nicht verbrauchen werden.“ Dieser Satz, leise und langsam gesprochen, ist für Jakob wie ein Lehrsatz. Nicht einen Augenblick zweifelt er daran, dass das Leben hier oben nur gute Seiten hat. Seit er vor fast zwanzig Jahren bei einem Unfall den Rücken brach, fällt ihm das Laufen schwer. „Aber mit dem Traktor und vor allem beim Rudern habe ich keine Probleme.“ Wie gut, dass die Arbeitsteilung zwischen den beiden Freunden und Fischern so gut funktioniert.


 


Frühes Aufstehen als Erholung

Arne ist nicht nur ein paar Jahre jünger, sondern auch ein Baum von einem Kerl. Er sorgt dafür, dass immer trockenes Holz vor dem Bollerofen liegt und genug Wasser in der Hütte ist. Dieses Jahr hat er sein Moutainbike mitgebracht, es steht 500 Meter entfernt an der Nachbarhütte. „Damit ich in der Freizeit etwas zu tun habe,“ sagt er und lacht. Seit 12 Jahren ist er Rentner, vorher war er Betonarbeiter. Er kennt alle Staudämme in West-Norwegen, selbst beim Svartisen-Damm in Nord-Norwegen hatte er seine Finger im Spiel. „Das hier ist reinste Erholung,“ sagt er, „und wir haben ja reichlich Zeit.“


 


Wie Recht er doch hat, denn wenn die Fische eingesalzt, der Mittagstisch abgeräumt und der Kaffee getrunken ist, wird erst einmal ein Nickerchen gemacht. Es ist fast sechs Uhr am Abend, als wir uns zum letzten Mal zum Plaudern an dem glatten Felsen vor der Hütte treffen. Zum Brühkaffee gibt es ein paar Kekse, etwas erstaunt stellen wir fest, dass der Wind wieder gedreht hat. “Wird es anderes Wetter geben,“ fragen wir Jakob. „Wir müssen so langsam an den Heimweg denken, es wird Herbst“, ist Jakobs etwas ausweichende Antwort. Er ist sich nicht so sicher, ob sie nächstes Jahr wieder hochkommen, denn „es wird von Jahr zu Jahr schwerer.“ Es klingt nicht einmal traurig, wenn er das sagt.


 


„Jetzt müsst ihr aber hoch!“ Arnes kräftiger Bass kriecht in meine kalten Ohren. Ein kurzer Blick auf die Uhr neben dem Schlafsack genügt: Für die beiden Fischer hat ein neuer Arbeitstag begonnen. Wir hatten uns schon am Abend verabschiedet, uns bleibt jetzt nur noch der Rückweg zum Auto und in die Zivilisation. Trotz wollener Unterwäsche, Norweger-Pullover und Mütze war die Nacht ein kühles Vergnügen. Was hatte Jakob gesagt? Die Hardangervidda ist wie das Meer: Unendlich weit und voller Schönheit, doch man muss auf alles vorbereitet sein. 


 


Als wir aus dem Zelt kriechen, sehen wir Jakob in dem alten Holzkahn. Entspannt zieht er die Ruder durchs Wasser, gemächlich gleitet er über den kleinen Ausläufer des großen Nordmannslågen. Dort wird Arne auf ihn warten, den Rucksack und die leere Tonne in Empfang nehmen und in das Motorboot hieven. Gerade beginnt die Sonne über die Berge zu kriechen und den riesigen See mit Licht zu fluten. Am Seeufer sehen wir die Silhouette eines kräftig gebauten Mannes, der durch das Gesträuch spaziert. Zwei Männer auf dem Weg zur Arbeit – einer Arbeit, die hoffentlich nie enden wird.



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