Av: Text: Jens-Uwe Kumpch, Fotos: Snorre Aske (verfasst im März 2005)
Mit Mushern und Huskies unterm Nordlicht
Der „Finnmarksløpet“ in Alta ist das härteste Hundeschlittenrennen Europas.
Auf dem Hof von Roger Dahl herrscht gespannte Ruhe. Der Pickup vor der Garage ist mit einem Schlitten und haufenweise Säcken beladen, jeder Sack trägt seine Initialen. In der offenen Garage macht sich ein junger Mann mit Sandpapier über die Kufen eines zweiten Schlittens her. Der Feinschliff ist wichtig, denn für sechs Tage und Nächte und 1000 km Schlittenfahrt durch die Einöde der Finnmark muss jedes Detail stimmen.
All das ist Roger Dahl in Fleisch und Blut übergegangen. Beim „Finnmarksløpet“, dem nördlichsten Hundeschlittenrennen der Welt, ist er der erfahrendste und erfolgreichste unter den knapp 100 Teilnehmern. Der Polizist aus Alta, dem Start- und Zielort des Laufes, ist zum 19. Mal dabei, auch diesmal gehört er zu den Favoriten. Respektvoll sprechen seine Konkurrenten von „Mister Finnmarksløpet“. Besonders die Rookies, die Neulinge, die sich zumeist zur 500 km-Klasse angemeldet haben, lernen gern von ihm. Wer bei diesem Lauf unterm Nordkap durchkommen will, muss nicht nur sich selbst, die Hunde und die Ausrüstung gut kennen. Hinter jedem Hügel kann es eine neue Überraschung geben, urplötzlich das Wetter umschlagen. Deshalb ist der Tag vor dem Lauf so wichtig wie das Rennen selbst. Auch in diesem Jahr wird die letzte Nacht im warmen Bett sehr kurz sein. Die Futtersäcke für das Depot liegen auf dem Wagen, der Schlitten ist gepackt, Geschirr und Ausrüstung bis auf jede Kleinigkeit gewogen und kontrolliert.
Die Geduld der Hunde ist vorbei
Hinter dem Haus liegt der Kennel: Mehr als 40 Schlittenhunde dösen dort in der Wintersonne, die Anfang März endlich wieder zu wärmen beginnt. Roger spricht nicht, er flüstert mit seinen Hunden. Yukon und Smukk sind die selbstverständlichen Leithunde. Beim 1000 km-Lauf bilden maximal 14 Hunde ein Gespann, die letzten drei bis vier wählt er erst kurz dem Start aus. Seit 34 Jahren fährt Roger Dahl Rennen, er gilt als einer der besten Züchter Norwegens. Sein Kennel hat weltweit einen sehr guten Ruf, Rogers Hunde bringen die für diese Strapazen notwendige Kraft und Ausdauer mit.
Auch am Tag des Starts scheint die Sonne. Ein infernalischer Lärm hallt über den Parkplatz hinter dem größten Hotel in Alta. Mehr als 500 Hunde sind kaum noch zu halten, kläffen unentwegt und scheinen sich auf die Strapazen der nächsten Tage zu freuen. Die Fahrer, unter Eingeweihten Musher genannt, sind konzentriert und ein wenig nervös. Immer wieder kontrollieren sie das Geschirr, reden mit ihren Helfern, die während der nächsten sechs Tage an den verschiedenen Kontrollpunkten mit dem Futter und Essen warten werden. Neugierige drängen sich um die Gespanne, ganz Alta scheint auf den Beinen zu sein. Für die 17.000 Einwohner in der Hauptstadt der Finnmark ist die 25. Ausgabe des Finnmarkslaufes ein großes Kultur-Event und auch ein bisschen Abschied von einem langen Winter. Bereits am Vorabend wurden ihnen auf einer Bühne aus Schnee und Eis die Teilnehmer vorgestellt. Bei minus 12 Grad, künstlichem Nordlicht und elektronischer Musik ließen sie sich auf das Rennen einstimmen.
Pünktlich um 12 Uhr bricht unter dem Beifall der Zuschauer das erste Gespann auf. Die erste Etappe ist nur für das Publikum, richtig los geht’s einige Kilometer südlich auf dem zugefrorenen Alta-Fluss. Dort, wo im Sommer die größten Lachse Norwegens gelandet werden, reihen sich die Teilnehmer für den Restart um 14 Uhr auf. Im Ein-Minuten-Takt werden sie in das Abenteuer „Finnmarkslauf“ entlassen – 1000 km unberechenbare Schneewüste, verteilt auf 12 Etappen, die längste 120, die kürzeste 53 km. Unterwegs müssen die Gespanne mit allem rechnen. 2004 wurden sie von Schneeschmelze und tagelangen Regen ausgebremst, diesmal verspricht die Wettervorhersage optimale Bedingungen.
Müde Musher in traumhaften Landschaften
Um im März nach Joatka zu kommen, ist ein Motorschlitten nötig. Mit 70 Stundenkilometern knattert er über den zugefrorenen See zu dem Gasthof am Rande der Finnmarksvidda. Joatka liegt 53 km vom Start entfernt, dies ist der erste Kontrollpunkt. Gerade als sich die Sonne mit einem phantastischen Farbenspiel hinter den Bergen im Westen verabschiedet, tauchen am Horizont die ersten Schlitten auf. Ruhig gleiten die Gespanne an die Posten heran, einige Fahrer machen bereits hier die erste Rast. Sie haben kein Auge für die Schönheit der Landschaft: Kocher entzünden, Futter auftauen, Geschirr kontrollieren, noch einmal Wasser lassen – wer durchkommen will, überlässt nichts dem Zufall. Außerdem werden sie noch genug Zeit haben, um die Finnmark zu genießen. Als auch der letzte Fahrer wieder hinter dem Schlitten steht, ist es endgültig dunkel und das Thermometer auf minus 16 Grad gerutscht.
Die Hunde immer zuerst
Bei sechs Tagen Schlittenfahrt ist die Müdigkeit in Kopf und Körper das größte Problem. Die Teilnehmer des 1000 km-Laufes müssen einen Stopp von 16 Stunden und einen von 8 Stunden einlegen. Doch 24 Stunden Pause heißt nicht 24 Stunden Schlaf. „Die Hunde zuerst“, ist oberstes Gebot der Musher. Pfoten werden gepflegt und Gelenke massiert, auch ohne Rücksprache mit dem Tierarzt werden angeschlagene Tiere aus dem Gespann genommen. Einzige Bedingung für die Teilnehmer: Wer ins Ziel kommt, muss noch sieben Hunde dabei haben. Den Fahrern bleiben im Schnitt drei Stunden Schlaf pro Tag.
Während die Gespanne die erste Nacht auf der eiskalten Vidda in Angriff nehmen, genießen Helfer und Besucher auf dem Campingplatz einen perfekten Abend in der Finnmark. Der Schnee knirscht unter den gut gefütterten Winterstiefeln, zwischen den Hütten wird geraucht und gefachsimpelt. Das 500 km-Rennen startet erst am nächsten Tag, auch die dort gemeldeten Musher kennen sich gut. Der schönste Willkommensgruß an die Teilnehmer kommt von oben: Grüne Schleier tanzen über den Himmel, keine Wolke trübt den Blick auf das Nordlicht. Mit diesen Bildern im Hinterkopf steigt auch die Freude der Rookies auf den nächsten Tag. Auf den 1000 km wird Roger Dahl schließlich die 6-Tage-Marke um gerade acht Minuten unterbieten, schnell genug für den zweiten Sieg des Mister Finnmarksløpet.
Anreise nach Alta mit SAS. Berlin oder Düsseldorf ab 330 EUR. Nähere Informationen über Winterurlaub in Nord-Norwegen:
Finnmark Reiseliv AS, Postuttak, N-9509 ALTA,
Tel.: +47 78 44 00 20, Fax: +47 78 43 51 84
Norwegisches Fremdenverkehrsamt
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